Das Wunder von Suhl
InSüdthüringen:
Redaktion 09.10.2026 - 19:47 Uhr
Der Start der neuen Saison ist für uns Grund zurückzuschauen auf die unvergleichliche Double-Story von Volleyball-Bundesligist VfB Suhl, deren Ursprung einige Jahre zurückreicht.
Es ist der 22. April 2026, kurz nach 20.20 Uhr. In der Antenne Thüringen Volleyballarena, die alle nur „Wolfsgrube“ nennen, steht für einen Wimpernschlag die Zeit still. Dann fällt der letzte Ball zu Boden. In Suhl brechen alle Dämme.
Was in diesem Moment geschieht, hätte sechs Jahre zuvor niemand zu träumen gewagt: Ein kleiner Verein aus Südthüringen ist Deutscher Meister. Zum ersten Mal in seiner Geschichte. Und weil an diesem Abend zum bereits gewonnenen Pokal auch die Meisterschale hinzukommt, ist es mehr als ein Titel. Es ist das Double. Die Geschichte eines Weges, der einst im Dunkeln begann.
2020, als es ums Überleben ging
Man muss bis in das Frühjahr 2020 zurückgehen, um zu verstehen, wie groß dieses Wunder wirklich ist. Die Welt steht still, die Hallen sind leer, und für einen Verein wie den VfB Suhl geht es nicht um Titel, sondern schlicht ums Weiterexistieren. Als kleinster Standort der 1. Volleyball-Bundesliga, weit weg von den großen Metropolen, mit einem Etat, der nur einen Bruchteil dessen beträgt, was die Spitzenklubs ausgeben, kämpft der VfB in der Corona-Krise um seine Zukunft.
Gemeinsam mit anderen Thüringer Vereinen sucht man Halt in der Initiative „Teamsport Thüringen“, hofft auf Unterstützung. Es sind Wochen und Monate, in denen die Frage nicht lautet, wie hoch man klettern kann, sondern ob man überhaupt bleiben darf. Für viele Klubs wäre das das Ende einer Geschichte gewesen.
In Suhl war es der Anfang.
Ein neuer Weg
In genau diese unsichere Zeit fällt eine Entscheidung, die alles verändern sollte. 2020 übernimmt László Hollósy die sportliche Verantwortung. Mit ihm hält eine Idee Einzug, die zunächst wenig mit Titeln, aber viel mit Haltung zu tun hat. Nicht das größte Budget soll den Unterschied machen, sondern Teamgeist, Entwicklung und eine kompromisslose Siegermentalität. Schon damals ist das Ziel klar formuliert: „Wir wollen DER Ausbildungsverein der Liga werden.“
Getragen wird dieser Neustart von einem kleinen Trio, das seither zusammensteht. An der Seite von Cheftrainer László Hollósy bilden Teammanager Jens Haferkorn und Alexander Mantlik die personelle Konstante. Mantlik ist seit 2020 Gesellschafter, seit Juli 2022 Präsident des VfB 91 Suhl e.V. und seit Mitte der Saison 2023/24 zudem Geschäftsführer der Spielbetriebs GmbH. Über all die bewegten Jahre hinweg ist dieses Trio der Halt, auf dem der geduldige Aufbau ruht.
Der Plan ist so einfach wie schwer umzusetzen: aus jungen, hungrigen Spielerinnen und klugen Verpflichtungen Jahr für Jahr eine bessere Mannschaft formen. Kein Feuerwerk, sondern Handwerk. Kein schneller Ruhm, sondern geduldiger Aufbau. Was in diesen Jahren entsteht, ist mehr als ein Kader. Es ist eine Familie mit einem eigenen Selbstverständnis. Und ein Zuhause, das bald in ganz Deutschland gefürchtet sein wird.
Die Wolfsgrube und das Rudel
Den Namen „Wolfsgrube“ trägt die Halle, seit sie gebaut wurde. Seit 2020 heißt die Spielstätte offiziell „Antenne Thüringen Arena in der Wolfsgrube Suhl“. Und aus der Mannschaft wird ein Rudel, die „Wölfinnen“. Was nach Marketing klingt, ist in Wahrheit eine Identität. Wer nach Suhl kommt, betritt kein neutrales Parkett, sondern ein Tollhaus. Abend für Abend verwandeln die Fans die Arena in eine Festung, in der jeder Punkt gefeiert und jeder Gegner zermürbt wird. Die Serie an Heimsiegen wächst und mit jedem Sieg der Glaube: Hier entsteht etwas Besonderes. Der kleine Verein aus Südthüringen ist längst kein Betriebsunfall der Liga mehr. Er ist ein Statement.
Die Chronik
Saison für Saison. Sechs Jahre, die alles veränderten
Ein Titel fällt nicht vom Himmel. Der Weg dorthin führt über sechs Spielzeiten, über Rückschläge, Verletzungen und finanzielle Nöte. Und über Menschen, die trotzdem nie aufgaben. Diese Chronik erzählt ihn Saison für Saison.
Frühjahr 2020: Ein Einstieg mitten im Sturm
Am Ende der Saison 2019/20 wagen zwei neue Gesellschafter den Schritt: Alexander Mantlik und Jens Roß steigen beim VfB ein, ausgerechnet in einer Zeit größter Ungewissheit. Nur zehn Tage nach der notariellen Beurkundung legt die Corona-Pandemie den gesamten Sport lahm. Ein Start unter denkbar schwersten Vorzeichen. Dass der VfB diese Monate übersteht, verdankt er auch dem Fundament, auf dem der Verein bis heute ruht: der Partnerschaft mit Lotto Thüringen. Der Namensgeber hält dem Klub gerade dann die Treue, als es am meisten zählt. Es ist ein Vertrauensbeweis, der weit über den Moment hinausreicht. Aus dieser Verbindung ist längst weit mehr als ein Sponsoring geworden. Am 1. Januar 2027 geht man gemeinsam ins zehnte Jahr. Diesen Namen trägt der VfB mit Stolz.
Saison 2020/21: Die Wölfe formieren sich
Mit László Hollósy kommt der Trainer, der den Weg prägen wird. Um ihn herum entsteht eine völlig neue Mannschaft. Das erklärte Ziel, die Rückkehr in die Playoffs, gilt als Drei-Jahres-Plan. Suhl schafft es im ersten Jahr: die erste Playoff-Qualifikation seit zehn Jahren.
Die Wölfe formieren sich: Laszlo Hollosy und Jens Haferkorn wählen mit klugem Scouting eine völlig neue Mannschaft. Einzig Claudia Steger bleibt dem Club – mal wieder – erhalten. Sie leitet den Neuanfang mit ein.
Nebenbei endet eine Ära: Der alte Claim „Fürchte die Wölfe“ wird abgeschafft, auch als Reaktion auf die einzige Derby-Niederlage gegen Erfurt in der gesamten Vereinsgeschichte. Die Erkenntnis mit einem Augenzwinkern: Zu fürchten braucht die Wölfe niemand. Es muss ein neuer Leitspruch her, der bis heute trägt: „VorwärtsMitHerz“. Am Saisonende steht Platz sechs, dazu ein Heimsieg gegen Schwerin im ersten Playoff-Viertelfinale und ein Sieg gegen den amtierenden Deutschen Meister Allianz MTV Stuttgart. Das erste große Ausrufezeichen.
Saison 2021/22: Kontinuität als neues Fundament
Zum ersten Mal seit rund zehn Jahren, seit der Ära von Wolfgang Wehner, verlängern gleich sieben Spielerinnen ihre Verträge. Kontinuität, in Suhl lange ein Fremdwort, wird zum Fundament. Der VfB spielt eine starke Saison und qualifiziert sich für den CEV Challenge Cup. Zurück auf der europäischen Bühne.
Saison 2022/23: Durch das Tal der Tränen
Es folgt die Härteprüfung. Acht Niederlagen in Serie, Zuspielerin Jaksetic schwer verletzt, insgesamt fünf Dauerverletzte, dazu ein Europapokal, der finanziell kaum zu stemmen ist. Und doch bäumt sich diese Mannschaft auf. In einer wahnsinnigen Aufholjagd rettet sie sich noch auf Platz sechs und holt im Europapokal die Bronzemedaille, die erste Medaille seit zehn Jahren.
Im Playoff-Viertelfinale gelingt in Potsdam sogar ein 3:0-Hinspielsieg, ehe man denkbar knapp ausscheidet. Sportlich ein Achtungserfolg, und doch das wohl schwerste Jahr, finanziell an der Belastungsgrenze. Abseits des Feldes stellt sich der Verein neu auf: Im Vorfeld der Saison 2022/23 wählt der VfB 91 Suhl e.V. einen neuen Vorstand. An die Spitze rückt Alexander Mantlik als Präsident. Ihm zur Seite stehen die Vizepräsidenten Ulf Greiser und Tim Berks (ab 2024 Philipp Oehrig), Schatzmeister Jörg Fleischer sowie die Vorstände Frank Dressel (Sponsoring), Torsten Hölzel (Recht) und Tobias Walther-Raßmann (Sport). Ulf Greiser ist zugleich die langjährige Stimme des VfB, als Hallensprecher und als Kommentator im Livestream. Besonderer Dank gebührt Dr. Guido Reinhardt. Bis 2022 Präsident, bleibt er dem Vorstand danach als Vizepräsident erhalten und führt den Verein als Geschäftsführer noch bis Dezember 2023, ehe er an Alexander Mantlik übergibt und sich zurückzieht.
Saison 2023/24: Der Umbruch
Die Nachwehen sind hart. Ein Sechs-Punkte-Abzug infolge der finanziellen Lage belastet die Saison. Die erspielte Qualifikation für den CEV Challenge Cup wird gar nicht erst wahrgenommen, es fehlen schlicht die Mittel. Und trotzdem: Platz fünf. Wie schon 2020 gerät der Verein finanziell ins Wanken, und wieder übernimmt einer aus den eigenen Reihen Verantwortung. Im Dezember 2023 tritt Präsident Alexander Mantlik zusätzlich selbst an die Spitze der Geschäftsführung. Es beginnt ein grundlegender Neuaufbau, von Mannschaft und Verein. Nach dem Saisonende verlässt mit Tim Berks der letzte hauptamtliche Mitarbeiter den Club. Sein Amt als Vizepräsident im Vereinsvorstand übernimmt fortan Philipp Oehrig. Die Geschäftsführung trifft eine mutige Grundsatzentscheidung: Der VfB macht ohne Hauptamt weiter. Was nach Verzicht klingt, wird zur DNA dieses Klubs. Von hier an ruht nahezu alles auf ehrenamtlichen Schultern. Die Aufgaben von Tim Berks übernehmen fortan neue Ehrenamtler, allen voran Marcel Parlesak und Hannes Schmidt, die Tag und Nacht für den Club da sind.
Saison 2024/25:Der Durchbruch
Der radikalste Umbau von allen. Von der alten Mannschaft bleibt nur eine: Roosa Laakkonen. Sie geht den Weg des Vereins mit und wird zur Identifikationsfigur. Der Plan ist klar und mutig. Es ist der konsequente Weg über junge Talente. Vor allem junge deutsche Spielerinnen, denen andernorts kaum jemand eine große Bühne zutraute, viele von ihnen aus der zweiten Liga. In Suhl bekommen sie sie. Mit Lara Nagels kommt der zweite Baustein des Führungsduos.
mAbseits des Feldes stabilisiert sich der Verein. Mit Mantos Int. Food GmbH steigt ein neuer Hauptsponsor ein, dessen Firmenlogo eine strahlende Sonne trägt. Ralf Weber übernimmt Verantwortung für den Thüringer Spitzensport. Seither weht frischer Wind in den Segeln, und in Suhl wächst ein Gefühl, das den ganzen Klub trägt: „Wir haben immer die Sonne im Nacken.“ Durch konsequente Kostenreduzierung und den neuen Partner kehrt die finanzielle Stabilität zurück. Bei Gehältern kann Suhl nicht mithalten. Umso mehr zählen gutes Auge im Scouting und außergewöhnlicher Zusammenhalt.
Denn dann geschieht, was niemand für möglich hielt: Nach sechs Auftaktniederlagen dreht Suhl die Saison komplett und holt am Ende Bronze. Es ist die erste Bundesliga-Medaille seit dem Bronze von 2011, und erstmals seit Einführung der Playoffs steht der VfB im Halbfinale. Dort ist zwar Endstation, doch die Botschaft ist groß. Seit 2011 hatten allein Dresden, Schwerin und Stuttgart Meisterschaft und Pokal unter sich ausgemacht. Nun mischt mit Suhl wieder ein Außenseiter ganz vorn mit. Obendrauf kommt die erstmalige Qualifikation für den CEV-Cup, den nächsthöheren europäischen Wettbewerb.
Der Boden für das Wunder war bereitet. Doch das größte Kapitel sollte erst noch folgen.
Die Saison der Träume
Dann kommt jene Saison, in der aus Hoffnung Gewissheit wird. 2025/26, ausgerechnet im Jubiläumsjahr zum 35-jährigen Bestehen, spielt der VfB Suhl einen Volleyball, der die ganze Liga aufhorchen lässt. Heimspiel um Heimspiel bleibt die Wolfsgrube ungeschlagen, ein Ausrufezeichen nach dem anderen. Die Saison der Träume: Die Wölfe entwickeln sich zum Spitzenteam der Liga.
Die Mannschaft um Kapitänin Roosa Laakkonen trägt ihre Sache mit einer Reife und Ruhe vor, die man einem vermeintlichen Underdog kaum zugetraut hätte. Auf einmal spricht man in Suhl nicht mehr vom Klassenerhalt, sondern von etwas, das man kaum auszusprechen wagt: von Titeln. Dabei gelingt der Triumph gegen jede Logik. Nach der starken Bronze-Saison lotsen die großen Klubs Suhls beste Angreiferinnen weg, nach Stuttgart, Schwerin und Dresden. Und doch schlägt der VfB zurück. Im Sturm verstärken sich die Wölfinnen mit Mackenzie Foley, Sanaa Dotson und Monika Brancuska – erneut kluges Scouting, das mitten ins Schwarze trifft. Was als Aderlass beginnt, wird zum nächsten Beweis: In Suhl ist das Ganze größer als jede Einzelne.
Der erste Coup: Mannheim, 28. Februar 2026
Der erste große Beweis fällt in Mannheim. Im Finale um den DVV-Pokal steht der VfB Suhl dem hohen Favoriten Allianz MTV Stuttgart gegenüber, vor der größten Kulisse, die ein deutsches Volleyball-Pokalfinale je gesehen hat. 12.508 Zuschauer füllen die SAP-Arena. Der VfB weigert sich zu verlieren. In einem Krimi über die volle Distanz, in einem fünften Satz, in dem die Nerven blank liegen, behalten die Wölfinnen die Oberhand: 3:2.
Es ist der erste große Titel der Vereinsgeschichte seit vielen Jahren, gewonnen auf der größten Bühne, die der deutsche Volleyball zu bieten hat. Wer an diesem Tag im Suhler Trikot über das Parkett taumelt, ahnt: Dies war erst der Anfang.
Ein Titel wird erst dadurch groß, dass er gegen Große errungen wird.
Ungeschlagen durch die Playoffs
Was folgt, ist ein Rausch. Als Zweiter der Hauptrunde geht der VfB in die Playoffs und marschiert hindurch, ohne zu straucheln. Im Viertelfinale gegen Wiesbaden setzt sich der VfB mit 6:1 Sätzen durch, im Halbfinale gegen Schwerin gelingt sage und schreibe das gleiche Ergebnis: erneut 6:1. Der VfB lässt nichts anbrennen, gewinnt seine Serien souverän und zieht als erste Mannschaft seiner Vereinsgeschichte in das Finale um die Deutsche Meisterschaft ein.
Die Wolfsgrube bebt, die Reise geht weiter. Und vor dem letzten Schritt steht ein Gegner, der für alles steht, was der VfB werden will: der Dresdner SC, sechsfacher Deutscher Meister, über Jahrzehnte das Maß aller Dinge.
22. April 2026: Deutscher Meister
Und dann dieser Abend. In der Finalserie gegen Dresden nimmt der VfB Suhl das Heft in die Hand und dominiert die Serie mit am Ende unglaublichen 9:2 Sätzen. Im entscheidenden Spiel lässt er dem großen Favoriten dann keine Chance: 3:0. Um 20:23 Uhr ist es vollbracht. Die Wölfinnen sinken sich in die Arme, Tränen und Jubel vermischen sich, die Wolfsgrube verwandelt sich in ein einziges Meer aus Blau und Gold.
Der VfB Suhl LOTTO Thüringen ist Deutscher Meister. Mit Pokal und Schale zugleich ist er erst der siebte Verein seit 1991, dem das Double gelingt. Ein Titel, den zuvor stets die Großen unter sich ausgemacht hatten, geht nun nach Südthüringen, in die kleinste Stadt, die je einen deutschen Volleyball-Thron bestieg.