Vom Jäger zum Gejagten – Die erste Bewährungsprobe
Sechs Bundesligaspiele, drei Siege, drei Niederlagen. Der Oktober hat gezeigt, wo der Deutsche Meister steht, welche Stärken geblieben sind und woran das Wolfsrudel arbeiten muss.
Am 6. Oktober, wenige Tage nach dem Gewinn des Thüringer Wald Supercups, stand eine spannende Frage im Raum: Kann der VfB Suhl LOTTO Thüringen nach seinem historischen Titeljahr 2026 die außergewöhnlichen Leistungen auch in der neuen Bundesligasaison bestätigen?
Unter der Überschrift „Vom Jäger zum Gejagten“ richteten wir damals den Blick auf einen ungewöhnlich anspruchsvollen Saisonauftakt. Sechs Bundesligaspiele innerhalb von 22 Tagen, darunter die Begegnungen gegen Stuttgart, Schwerin und Dresden. Gerade diese drei Spiele sollten eine erste Antwort darauf geben, wo der amtierende Deutsche Meister tatsächlich steht.
Nun ist der Oktober Geschichte. Die Ergebnisse liegen vor, die ersten Erkenntnisse ebenfalls. Und die Bilanz fällt durchaus zwiespältig aus.
Ein Auftakt voller Zuversicht
Mit dem Gewinn des Supercups am 3. Oktober setzte der VfB Suhl ein beeindruckendes Ausrufezeichen. Gegen den Dresdner SC gewannen die Thüringerinnen mit 3:0 und bewiesen dabei jene Eigenschaften, die bereits die vergangene Meistersaison ausgezeichnet hatten: Leidenschaft, mannschaftliche Geschlossenheit, Kampfgeist und vor allem die Fähigkeit, auch in schwierigen Situationen an den eigenen Erfolg zu glauben.
Besonders bemerkenswert war der zweite Satz. Dresden führte bereits mit 17:11, doch Suhl kämpfte sich zurück und gewann schließlich mit 29:27. Es war ein eindrucksvoller Beweis für das Selbstvertrauen und die mentale Stärke dieser Mannschaft.
Mit dieser Euphorie startete das Wolfsrudel in die neue Bundesligasaison.
Gegen die Skurios Volleys Borken, die Roten Raben Vilsbiburg und den ETV Hamburg folgten drei Siege ohne Satzverlust. Neun Punkte aus drei Spielen, eine makellose Bilanz. Die Mannschaft überzeugte mit wirkungsvollen Angriffen, variablen Aufstellungen und einer insgesamt geschlossenen Leistung.
Doch bereits damals war klar: Die eigentliche Bewährungsprobe würde erst noch kommen.
Stuttgart – zwischen Hoffnung und Enttäuschung
Am 24. Oktober begann mit dem Auswärtsspiel bei Allianz MTV Stuttgart die erste große Herausforderung.
Nach einem schwachen ersten Satz, den Suhl deutlich mit 15:25 verlor, steigerten sich die Thüringerinnen erheblich. Der zweite Durchgang ging knapp mit 23:25 verloren, bevor Suhl im dritten Satz eindrucksvoll zurückschlug.
Mit 25:15 dominierten die Thüringerinnen den Gegner und zeigten, welches Potenzial in dieser Mannschaft steckt. Die Statistik unterstreicht diese Überlegenheit. Suhl verwandelte 55 Prozent seiner Angriffe unmittelbar in Punkte und erreichte eine bemerkenswerte Angriffseffizienz von 48 Prozent.
Auch der vierte Satz verlief lange ausgeglichen. Doch am Ende hatte Stuttgart mit 26:24 erneut das bessere Ende für sich.
Gerade diese knappen Satzverluste werfen Fragen auf. Warum gelingt es der Mannschaft nicht, gute Spielphasen konsequent bis zum Satzgewinn fortzusetzen?
Die Antwort liegt möglicherweise weniger in fehlender spielerischer Qualität als vielmehr in mangelnder Konstanz und Sicherheit in entscheidenden Situationen.
Schwerin – die Grenzen werden sichtbar
Vier Tage später empfing Suhl den SSC Palmberg Schwerin in der heimischen Wolfsgrube.
Was als weiteres Spitzenspiel erwartet wurde, entwickelte sich zunehmend zu einer Demonstration Schweriner Überlegenheit.
Mit 18:25, 17:25 und 15:25 verlor Suhl alle drei Sätze deutlich.
Die Thüringerinnen fanden kaum Möglichkeiten, den Gegner dauerhaft unter Druck zu setzen. Zwar gelangen immer wieder gute Aktionen, doch Schwerin bestimmte über weite Strecken das Geschehen.
Besonders auffällig war der Unterschied im Angriff. Während Schwerin eine Angriffseffizienz von 38 Prozent erreichte, kam Suhl lediglich auf 18 Prozent.
Hinzu kamen erhebliche Schwierigkeiten in der Annahme und ein zu wenig wirkungsvolles eigenes Aufschlagspiel.
Schwerin konnte sich dadurch immer wieder Punkteserien erspielen. Suhl dagegen gelang es zu selten, den gegnerischen Spielfluss zu unterbrechen.
Die Niederlage offenbarte ein grundlegendes Problem: Die Mannschaft kann durchaus mit starken Gegnern mithalten, verliert jedoch zu häufig durch eigene Fehler den Anschluss.
Dresden – vier Wochen, zwei unterschiedliche Gesichter
Zum Abschluss des Oktobers wartete mit dem Dresdner SC jener Gegner, gegen den Suhl vier Wochen zuvor den Supercup gewonnen hatte.
Diesmal waren die Vorzeichen andere.
Im ersten Satz begegneten sich beide Mannschaften noch auf Augenhöhe. Suhl kämpfte sich nach einem Rückstand zurück und erspielte sich sogar einen Satzball. Doch Dresden behielt schließlich mit 27:25 die Oberhand.
In den folgenden beiden Sätzen setzten sich die Gastgeberinnen jeweils mit 25:17 durch.
Besonders bemerkenswert ist die statistische Auswertung dieser Begegnung.
Beide Mannschaften erreichten eine Angriffsquote von 43 Prozent. Suhl war im Angriff also keineswegs grundsätzlich unterlegen.
Den entscheidenden Unterschied machten die Aufschläge und die Annahme.
Dresden erzielte 17 direkte Aufschlagpunkte, Suhl lediglich drei. Gleichzeitig unterliefen den Thüringerinnen 17 direkte Annahmefehler.
Diese Zahlen sprechen eine deutliche Sprache.
Während Dresden mit seinen Aufschlägen erheblichen Druck erzeugte, gelang es Suhl nur selten, den gegnerischen Spielaufbau nachhaltig zu stören.
Die Annahme – Suhls größte Baustelle
Betrachtet man die drei Niederlagen gemeinsam, zeigt sich ein wiederkehrendes Problem.
Gegen Stuttgart, Schwerin und Dresden unterliefen Suhl insgesamt 35 direkte Annahmefehler. Die drei Gegner produzierten zusammen lediglich sechs.
Diese Differenz ist erheblich.
Eine stabile Annahme bildet die Grundlage für ein erfolgreiches Angriffsspiel. Gerät sie unter Druck, werden die Möglichkeiten der Zuspielerin eingeschränkt. Angriffe müssen häufiger aus ungünstigen Positionen vorbereitet werden und verlieren dadurch an Wirkung.
Dabei ist das Angriffspotenzial durchaus vorhanden. Gegen Stuttgart und Dresden erreichte Suhl jeweils eine Angriffsquote von 43 Prozent.
Doch dieses Potenzial kann nur dann zuverlässig ausgeschöpft werden, wenn die Annahme funktioniert.
Hier liegt zweifellos eine der wichtigsten Aufgaben für Trainer László Hollósy und seine Mannschaft.
Zu wenig Druck beim eigenen Aufschlag
Ein zweites Problem ist das Aufschlagspiel.
In den drei Begegnungen gegen Stuttgart, Schwerin und Dresden erzielte Suhl zusammen lediglich sechs Asse. Die Gegner kamen dagegen auf insgesamt 35 direkte Aufschlagpunkte.
Natürlich entscheidet nicht allein die Anzahl der Asse über die Qualität eines Aufschlags.
Auch gezielte Aufschläge, die den gegnerischen Spielaufbau erschweren, können äußerst wirkungsvoll sein.
Doch gerade gegen die Spitzenmannschaften gelang es Suhl zu selten, durch eigene Aufschläge Druck aufzubauen.
Die Folge: Die Gegner konnten ihre Angriffe häufig aus einer stabilen Annahme heraus vorbereiten.
Ist das Selbstvertrauen verloren gegangen?
Neben den spielerischen Problemen stellt sich eine weitere Frage.
Hat die Mannschaft seit dem Supercup einen Teil ihres Selbstvertrauens verloren?
Im Supercup gelang es Suhl noch, selbst deutliche Rückstände aufzuholen und knappe Sätze zu gewinnen.
Gegen Stuttgart und Dresden gingen dagegen mehrere umkämpfte Sätze verloren.
Es entsteht der Eindruck, dass jene Selbstverständlichkeit, mit der die Mannschaft im Supercup entscheidende Ballwechsel gewann, gegenwärtig nicht mehr im gleichen Maße vorhanden ist.
Das muss nicht zwangsläufig auf mangelndes Selbstvertrauen zurückzuführen sein. Auch die Qualität der Gegner, taktische Veränderungen und individuelle Fehler spielen eine Rolle.
Dennoch dürfte die mentale Stabilität eine wichtige Aufgabe für die kommenden Wochen sein.
Gerade in engen Spielsituationen braucht eine Mannschaft die Überzeugung, den entscheidenden Punkt erzielen zu können.
Die Bewährungsprobe – nur teilweise bestanden
Was bleibt nach sechs Bundesligaspielen?
Drei Siege gegen Borken, Vilsbiburg und Hamburg zeigen, dass Suhl seine spielerischen Fähigkeiten keineswegs verloren hat.
Die anschließenden Niederlagen gegen Stuttgart, Schwerin und Dresden offenbaren jedoch, dass die Mannschaft gegenwärtig Schwierigkeiten hat, dieses Leistungsniveau auch unter hohem Druck abzurufen.
Die erste Bewährungsprobe gegen die unmittelbaren Konkurrenten um die Spitzenplätze wurde deshalb nicht bestanden.
Doch daraus sollte niemand vorschnell eine grundsätzliche Schwäche des Deutschen Meisters ableiten.
Die Saison steht erst am Anfang. Die Mannschaft besitzt genügend Qualität, um aus diesen Erfahrungen zu lernen.
Entscheidend wird sein, die Annahme zu stabilisieren, den Aufschlagdruck zu erhöhen und vor allem wieder jene Konstanz zu entwickeln, die den VfB Suhl in der vergangenen Saison ausgezeichnet hat.
Die Bundesliga rückt enger zusammen
Bei aller Konzentration auf die Leistungen des VfB Suhl sollte eine weitere Entwicklung nicht übersehen werden.
Die Frauen-Bundesliga scheint mit Beginn der neuen Saison auch spielerisch enger zusammengerückt zu sein.
Die Ergebnisse der zurückliegenden englischen Woche liefern dafür interessante Hinweise.
So gelang Schwarz-Weiß Erfurt ein bemerkenswerter 3:2-Erfolg gegen den Dresdner SC. Auch der VC Wiesbaden sorgte mit seinem 3:2-Sieg gegen Allianz MTV Stuttgart für eine Überraschung.
Diese Ergebnisse zeigen, dass Mannschaften aus dem Mittelfeld zunehmend in der Lage sind, die etablierten Spitzenteams herauszufordern und ihnen wichtige Punkte abzunehmen.
Die Unterschiede zwischen den Mannschaften könnten geringer geworden sein, als es die Ergebnisse der vergangenen Jahre vermuten lassen.
Für den VfB Suhl bedeutet das eine zusätzliche Herausforderung. Nicht nur Stuttgart, Schwerin und Dresden werden dem Deutschen Meister alles abverlangen. Auch vermeintlich schwächere Gegner können jederzeit für Überraschungen sorgen.
Der Oktober hat gezeigt: Der Weg zur erfolgreichen Titelverteidigung wird kein leichter sein. Doch das Wolfsrudel hat bereits bewiesen, dass es auch schwierige Herausforderungen meistern kann. Jetzt gilt es, aus den Niederlagen zu lernen, neue Sicherheit zu gewinnen und wieder mit jener Entschlossenheit aufzutreten, die den VfB Suhl an die Spitze des deutschen Frauenvolleyballs geführt hat.